Chefbeamtin schon vor Amtsantritt unter Druck – Tages-Anzeiger

Jul 20, 2011 Kommentare deaktiviert für Chefbeamtin schon vor Amtsantritt unter Druck – Tages-Anzeiger gian

Nicht nur Rosann Waldvogels schärfste Kritiker aus FDP und SVP sind alarmiert. Auch die Mitteparteien reagieren befremdet auf den Entscheid des Stadtrats, die 51-Jährige zur Chefin der Stadtzürcher Altersheime zu ernennen. Von einer schweren Hypothek mag GLP-Fraktionschef Gian von Planta zwar nicht sprechen. Die federführende Stadträtin Claudia Nielsen (SP) hat sich seiner Ansicht nach aber ein mögliches Problem aufgeladen. «Falls etwas schieflaufen sollte, fällt dies auf Frau Nielsen zurück.» Von Planta verweist auf Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne), der während des Polizistenstreiks als Chef des umstrittenen Polizeikommandanten Philipp Hotzenköcherle jüngst in die Bredouille geriet.

Rosann Waldvogel erhält wieder eine Kaderstelle in der Stadtzürcher Verwaltung, nachdem ihr 2008 im Sozialamt noch «Führungsmängel» attestiert wurden. Die Bürgerlichen sind empört, und selbst linke Politiker sind irritiert.

Auch CVP-Fraktionschef Christian Traber hat «kein wirklich gutes Gefühl», dass der Stadtrat Waldvogel wieder eine Spitzenposition ermöglicht, nachdem 2008 eine parlamentarische Untersuchung Führungsmängel festgestellt hatte. Waldvogel galt als rechte Hand von Monika Stocker (Grüne) und wurde zusammen mit der Stadträtin wegen Missbrauchsfällen im Sozialamt aufs Schärfste kritisiert. Nach Stockers Rücktritt vor drei Jahren kündigte Waldvogel im Frühling 2010 ihre Stelle.

«Schrei des Entsetzens»

Nun ist Waldvogel zurück – und polarisiert vor ihrem Amtsantritt am 1. September aufs Neue. GLP-Gemeinderat Samuel Dubno fragt in seinem Blog, «wie laut wohl der Schrei des Entsetzens in der Stadt über den Filz in Politik und Stadtverwaltung wäre», wenn eine FDP-Clique einen solchen Entscheid getroffen hätte. Die «NZZ am Sonntag» wittert in ihrer jüngsten Ausgabe im Stadtrat gar rot-grünen Filz – was Stadträtin Nielsen bestreitet. Waldvogel sei parteilos.

Dass die Kritik an Waldvogels Rückkehr nicht nur parteipolitisch motiviert ist, belegt das Unverständnis, das selbst in rot-grünen Kreisen herrscht. Gemeinderäte sprechen von einem Fehlentscheid und einem unnötigen Risiko, das Stadträtin Nielsen eingehe. Kaum einer will sich indes mit Namen zitieren lassen. Nicht so Balthasar Glättli (Grüne). Er räumt ein, sich über den Beschluss gewundert zu haben. Die Öffentlichkeit und die Politik würden nun «mit höchster Aufmerksamkeit» über Waldvogel wachen. Dies mindere einerseits das Risiko, «dass Fehler passieren», sagt Glättli. «Andererseits ist diese Ausgangslage für Waldvogel und ihre Mitarbeiter schwierig.»

Walter Angst (AL) sagt, es gebe kein Berufsverbot für Vorgesetzte, unter denen «gewisse Dinge suboptimal gelaufen sind». Entscheidend sei nun, wie die Mitarbeitenden der Altersheime auf Waldvogel reagieren würden, sagt er mit Verweis auf die Sozialen Dienste, wo unter Waldvogel ein schlechtes Betriebsklima geherrscht habe.

Nielsen hegt keine Bedenken. Den Personalentscheid trage nicht nur der Gesamtstadtrat mit. Auch diverse Kaderleute der Dienstabteilung Altersheime (AZH) stünden dahinter. Waldvogel bringe die fachlichen Qualifikationen mit, einen so grossen Laden führen zu können. Die AZH beschäftigt 1400 Mitarbeitende und betreibt 28 Altersheime mit 2000 Bewohnern. Waldvogels Vergangenheit wurde im Bewerbungsverfahren thematisiert, wie Nielsen versichert. Dass die parlamentarische Untersuchung Waldvogel 2008 kein gutes Zeugnis ausstellte, hat Nielsen nicht etwa vergessen, wie SVP-Fraktionschef Mauro Tuena kritisiert. Waldvogel deswegen nicht anzustellen, kam für sie aber nicht infrage. Dass «jemand mit Profil nicht nur Freunde hat», erachtet Nielsen sogar als Vorteil: «Man kennt so das Risiko, das man einkauft.»

Die FDP zweifelt daran, dass das Bewerbungsverfahren mit 59 Kandidatinnen und Kandidaten korrekt abgelaufen sei. In einer schriftlichen Anfrage will die Partei wissen, ob Waldvogel nach ihrer Kündigung im Frühjahr 2010 eine Zusicherung für einen neuen Job erhalten habe. Stadtrat Martin Waser (SP) dementiert dies: «Wir haben Frau Waldvogel nichts versprochen.» Stockers Nachfolger im Sozialdepartement sagt, Waldvogel habe letztes Jahr aus eigenen Stücken gekündigt, da sie sich beruflich neu habe orientieren wollen. Eine Abgangsentschädigung oder eine Lohnfortzahlung habe es nicht gegeben.

Nielsen nimmt das Risiko in Kauf

Damit ist der Stadtrat aber noch nicht aus dem Schneider, wie AL-Gemeinderat Angst klarmacht: «Falls es auch bei den Altersheimen Führungsprobleme geben sollte, haben Waser und Nielsen ebenfalls ein Problem.» Nielsen nimmt in Kauf, für etwaige Fehler Waldvogels dereinst politisch geradestehen zu müssen. Eine absolute Sicherheit gebe es nie, sagt sie. Waldvogel werde ihre Aufgabe jedoch bestens meistern.